Sport und Bewegung bei Multipler Sklerose

Unser Körper ist für Bewegung gemacht. Langes Sitzen oder Stehen tut nicht gut, Übergewicht macht krank. Doch Bewegung und Sport können auch Teil der Therapie von chronischen Erkrankungen wie Multipler Sklerose (MS) sein.

Sport ist gut für Körper und Geist

Die positiven Effekte von Sport sind wissenschaftlich erwiesen. Sport stärkt das Herz-Kreislauf-System, sorgt für eine bessere Durchblutung aller Organe – auch des Gehirns, verbrennt Fett und kräftigt die Muskeln, sorgt für mehr Beweglichkeit, Koordination und Balance und senkt das Risiko für Übergewicht, Diabetes, Herzprobleme, Osteoporose und Krebs. Auch der Seele tut Sport gut. Bewegung hilft Stress abzubauen, besser zu schlafen, kann Depressionen vorbeugen oder depressive Symptome lindern, steigert die Lebensqualität und gemeinsamer Sport fördert soziale Kontakte. Von all diesen Dingen profitieren auch Menschen mit MS. Gerade bei einer Multiplen Sklerose kann eine verbesserte Muskelkraft und ein trainiertes Gleichgewicht den Alltag erleichtern. Auch eine Fatigue kann durch Sport reduziert werden. Durch regelmäßiges Training kann dem langfristigen funktionalen Abbau durch die MS-Erkrankung vorgebeugt werden. Auch der Umgang mit der eignen Erkrankung kann durch Sport einfacher werden (DMSG1).

Bewegung statt Bettruhe!

Früher wurde Menschen mit MS von Sport abgeraten. Statt körperlicher Betätigung wurde ihnen geraten, sich möglichst viel zu schonen. Zu Grunde lag dieser Empfehlung die vorherrschende Meinung, dass sich eine körperliche Erschöpfung negativ auf den Krankheitsverlauf auswirken würde (DMSG2, 3). Heute sieht man das anders. Selbst die Leitlinie zur Diagnose und Behandlung von MS empfiehlt Sport und auch Elemente wie Physiotherapie oder Ergotherapie zur Behandlung von Symptomen wie Spastiken, Fatigue oder Blasenstörungen (Leitlinie der DGN, Stand 2014). Das sogenannte Uhthoff-Phänomen könnte eine Ursache für die frühere Empfehlung, sich bei MS zu schonen, sein. Dabei kommt es bei erhöhter Körpertemperatur zu einer vorübergehenden Verschlimmerung der MS-Symptome. Inzwischen ist bekannt, dass dies ungefährlich ist und sich die Beschwerden meist innerhalb von 30 Minuten bis etwa zwei Stunden wieder bessern. Die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) empfiehlt daher, auch trotz Uhthoff-Phänomen nicht auf die positiven Effekte von Sport zu verzichten. Spricht gesundheitlich nichts gegen den Sport, wiegen die positiven Auswirkungen die Beschwerden durch die erhöhte Körpertemperatur auf (DMSG3, 4,). Und mit Maßnahmen wie z. B. kühlen Getränken lassen sich auch diese vermeiden, sind Wissenschaftler überzeugt (Chaseling und Kollegen, 2018). Gerade wer zuvor nicht regelmäßig körperlich aktiv war, sollte seine Sporteignung mit dem behandelnden Arzt besprechen, gegebenenfalls auch mit den behandelnden Physiotherapeuten (DMSG3, 4,).

Leichte Intensität ist beim Sport bereits ausreichend

Die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft empfiehlt Menschen mit MS sich mindestens 20 bis 60 Minuten pro Tag zu bewegen. Das könne eine längere Sporteinheit sein oder über den Tag verteilt immer mal wieder acht bis zehn Minuten. Die Aktivitäten sollten dabei nicht überanstrengend oder erschöpfend sein. Wer will, kann mit Schrittzähler, Fitnesstracker oder Pulsuhr objektiv messen, wie viel und intensiv er sich bewegt. Gleichzeitig sollte auf das eigene Empfinden geachtet werden. Als gutes Maß nennt die DMSG eine sportliche Aktivität, die als „etwas anstrengend“ empfunden wird. Denn dies reicht schon, um einen Trainingseffekt zu erzielen. Wichtig ist auch, längerfristig regelmäßig zu trainieren. So können bereits acht Wochen Pause die zuvor erreichten Erfolge wieder verschwinden lassen. Doch manchmal muss eine Pause sein: Bei einer akuten Infektion sollte kein Sport getrieben werden. Das gilt auch für Menschen ohne MS. Auch während eines akuten Schubs sollten es Menschen mit MS langsam angehen lassen, zumindest solange Kortison verabreicht wird (DMSG3, 4).

DSMG empfiehlt Mix aus Ausdauer und Kräftigung

Ein Mix aus Ausdauertraining und Kräftigungstraining scheint für Menschen mit MS ideal zu sein. Laut der DMSG empfehlen sich zwei bis drei Trainingseinheiten von 10 bis 40 Minuten pro Woche über mindestens zwölf Wochen. So lange braucht es, bis sich deutliche Erfolge auch im Alltag zeigen. Beim Kräftigungstraining sollten Menschen mit MS laut der DMSG darauf achten, solche Muskelgruppen zu stärken, die für den Alltag wichtig sind, also vor allem Oberschenkel, Rumpf und Arme (DMSG4).

Welche Sportart passt zu wem?

Die Auswahl der richtigen Sportart ist ganz individuell. Solange es keine Einschränkungen gibt, kann meist die bisherige Lieblingssportart weitergeführt werden bzw. alle Sportarten sind mögliche Optionen. Aber auch bei zunehmenden Beschwerden oder Behinderung lassen sich viele Sportarten den eigenen Bedürfnissen anpassen. So kann ein Dreirad eine Option sein, wenn das Fahrrad aktuell nicht in Frage kommt. Fußheberorthesen können beim Laufen helfen. Bei anderen Schwierigkeiten, wie etwa kognitive Störungen oder Sehstörungen, sollte auf technisch anspruchsvolle Sportarten oder schnelle Ballsportarten verzichtet werden, denn hier steigt durch die Einschränkungen das Verletzungsrisiko. Ansonsten gilt: ausprobieren und sehen, was einem liegt. Wer Unterstützung sucht, kann sich Gleichgesinnten anschließen oder sich Hilfe bei der Erstellung eines geeigneten Trainingsplans suchen, z. B. durch einen Sporttherapeuten.

Motivation und Ziele bewusst machen, um langfristige Ziele zu erreichen

Um beim Sport am Ball zu bleiben, sollte man sich vorher überlegen, was die eigene Motivation ist und welche Ziele man verfolgt und was man sich vom Sport erhofft. Auch was man vielleicht schon vor der Erkrankung einmal ausprobieren wollte oder ob man lieber allein oder in einer Gruppe trainiert, lieber drinnen oder draußen usw., kann helfen, geeignete Angebote zu finden. Dann fällt es leichter, eine Sportart zu finden, die man langfristig und mit Freude betreibt. Sportgruppen speziell für Menschen mit MS lassen sich über die Ortsgruppen der DMSG finden. Weitere spezielle Trainingsmöglichkeiten und Sportarten stellen der Deutsche Behindertensportverband und der Deutsche Rollstuhl-Sportverband vor. Aber auch einige praktische Überlegungen sollten mit einbezogen werden, gibt die DMSG zu bedenken. Wie kommt man hin und zurück? Wie sind die sanitären Anlagen vor Ort? Gerade bei Blasen- und Darmstörungen, ein wichtiger Punkt. Wird es im Sommer am Trainingsort sehr warm? (DMSG5)

Selbst Videospiele können fit halten

Doch nicht nur eine geeignete Sportart und Trainingsort sind wichtig, um mehr Bewegung in den Alltag zu bringen. Auch Strategien, um seine Ziele zu erreichen, wenn die Motivation dann doch etwas abnimmt, sind wichtig. Bewegung und Sport fest einzuplanen, hilft, denn Routinen fallen leichter. Auch sollten die gesteckten Ziele realistisch sein und messbar sein. So werden Erfolge sichtbar. Ebenso kann ein Sporttagbuch helfen, Fortschritte zu dokumentieren oder herauszufinden, was einem guttut – und was vielleicht nicht. Auch Internetfitnessprogramme oder aktive Videospiele können eine Alternative sein, um sich zu Hause mehr zu bewegen (DMSG6). Eine wissenschaftliche Untersuchung hat sich sogar bereits mit dem Einsatz der Nintento Wii bei MS-Patienten beschäftigt (Thomas und Kollegen, 2017). Auch Apps für das Smartphone können Bewegung im Alltag fördern. Auf der Website der DMSG werden außerdem einzelne Sportarten genauer vorgestellt.